Man kann Medien nicht trauen. Social Media aber vielleicht schon.

Einer meiner liebsten Podcasts – This American Life -, hat es heute morgen geschafft, mich zu überraschen. Und zwar mit der Art und Weise wie sie damit umgehen, dass sie offensichtlich einer Story aufgesessen sind, die sich im Nachhinein als deutlich weniger wahr herausgestellt hat, als es zunächst den Anschein hatte. Die Episode ist schon zwei Monate her, anscheinend sollte ich mir mehr Zeit nehmen, regelmäßig reinzuschauen. Trotzdem aus meiner Sicht ein guter Anlass, sich mit den Themen “Transparenz” und “Vertrauen” in Medieninhalte auseinanderzusetzen.

Große Teile dessen, was einst als Reportage über die Zustände bei Apple-Zulieferer Foxconn über den Äther gingen, war für den Autor  Mike Daisey eine Performance, mit der er auf die Globalisierung und ihre Folgen hinweisen wollte und kein reiner Tatsachenbericht. Die Reportage war zwar durch aufrichtige Fakten begründet , die aber ganz eindeutig mit dramaturgischen Elementen aufgehübscht wurden. Das mag durchaus sinnvoll sein, um ein Thema in die Aufmerksamkeit zu rücken, das sonst vermutlich untergegagen wäre. Für einen Journalisten ist es unakzeptabel und enstprechend reagierte die Redaktion von “This American Life”, wie ich finde, sehr gut: Das Original wurde komplett nachrecherchiert, es wurden Fehler eingestanden und statt eines kleinen Widerrufs wurde zwei Monate nach der Original-Sendung eine zweite Show ausgestrahlt, in der die verifizierten und überarbeiteten Inhalte dargestellt und trennscharf der Unterschied zwischen Fakten und dramaturgischen Elementen herausgearbeitet wurde.

Schön, dass sie sich so offen damit auseinandergesetzt haben. Allerdings schade, dass mein Vertrauen in eine meiner Lieblingsquellen für Themen außerhalb meines Tellerands doch etwas gelitten hat. Denn dass sie offen zugeben, nicht sauber gearbeitet zu haben, finde ich gut und bewundernswert, ändert aber nichts daran, dass sie anfangs nicht so sauber gearbeitet haben, wie es wünschenswert gewesen wäre und wie ich es eigentlich erwarte.

Schon vor einiger Zeit deutete Wilko auf die Fragestellung hin, welchen Quellen man im Web vertrauen kann. Für mich wandelt sich die Frage aber auch ab in: Kann Social Media helfen, mehr Transparenz und somit auch mehr Vertrauen in die klassischen Medien zu bilden?

Aktuelles Beispiel ist aus meiner Sicht “die Schande von Düsseldorf”. Unter diesem Begriff wird in “den Medien” (pauschalisieren wir das ruhig mal so) alles zusammengefasst, was vor gut einer Woche um das zweite Relegationsspiel zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf passiert ist – vom ARD Brennpunkt über Berichterstattung in der Presse, von Fachmedien bis zum Boulevard.

Klar, die machen das für die Auflage oder die Reichweite im Web, denn das Interesse an den beiden Vereinen ist gerade NACH dem Spiel am größten – nicht in der Endphase des Ligabetriebs, in der Spielausgänge naturgemäß lediglich die Anhänger der beiden Vereine interessiert. Medien können eben auch Themen machen und besetzen diese dann offline und online.

Suchanfragevolumen, Quelle: Google Insights

Wenn sozialen Medien gerne die Gefahr der Filter Bubbles unterstellt wird, dann kann ich konstatieren, dass klassische Medien dieser Gefahr mindestens genauso unterliegen. Wenn ich nur aus ARD Brennpunkt, Mopo oder Kicker Informationen ziehe, dann könnte ich mich fragen, ob Düsseldorf Raub der Flammen und des Mobs geworden ist.

Wenn ich parallel dazu The European, das Eintracht Forum und andere Quellen lese, dann sehe ich zumindest, dass es auch andere Blickwinkel und Meinungen gibt.

Ganz besonders schön finde ich gerade diesen öffentlichen Brief an den kicker. “Damals”, als der Brief die Redaktion lediglich auf dem Postwege erreicht hätte, hätten sie ihn einfach unter den Tisch fallen lassen können. Heute hat der öffentliche Brief via Facebook & Co mehr Reichweite und schafft es vielleicht in größere Kreise (Hallo, Google!) als in den der üblichen Leserschaft der Fußballforen und Blogs. Allein auf Facebook wurde der Brief (Stand 21.05.2012) 1.175 x “geliked” und 586-fach weiterverbreitet.

Reichweite der Artikel auf Facebook im Vergleich

Mein Fazit: Das Web löst ein Problem nicht auf, nämlich jenes, dass wir uns selbst ein Bild von Dingen machen müssen. Dass wir immer Gefahr laufen, uns beeinflussen zu lassen von dem, was uns vorgesetzt wird. Das, was uns vorgesetzt wird, können wir hinterfragen – wenn wir denn wollen. Oder eben auch nicht, die Entscheidung liegt weiterhin beim Einzelnen.

Das Schöne am Netz (jedenfalls, wenn man sich, wie ich, einen “Anhänger der Netzkultur” nennt) ist, dass man mehr Quellen anzapfen kann, wenn man denn möchte. Die Herausforderung liegt darin, dass wir Medienkompetenz benötigen, um diese Quellen zu bewerten.

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