Meinung

#10yearchallenge – Die Maschine dankt.

von am 18. Januar 2019 verfasst


Alle haben Angst vor dem gläsernen Bürger, aber bei der #10yearchallenge machen sie mit? Wir machen uns Gedanken über das menschliche Verhalten, das mehr der lernenden Maschine als unserem Amüsement dient.

Wer – wie ich – viel online und in den sozialen Medien unterwegs ist, kommt am neuesten Mem, der #10yearchallenge, nicht vorbei. Auch zu finden unter dem Hashtag „2009vs2019“ plus sämtlichen alternativen und rechtschreibschwachen Schreibweisen. Aktuell haben weit über 2,2 Millionen Menschen Bilder von sich nach dem Schema „gestern/heute“ online gestellt. Tendenz steigend.

 

Was machen die Leute da?

Für die breite Masse ein harmloser Spaß: Guck mal, wie gut ich mich gehalten habe, oder schaut, wie abstrus meine Frisur damals war… Auf den ersten Blick ist es das digitale Äquivalent zum Vergleichen der Führerscheinfotos auf einer Party. Unterhaltsam, aber folgenlos.
Doch in einem Umfeld, wo man für die Plattform oder für den bereitgestellten Service nicht zahlt, ist man nicht der Kunde, sondern die Ware. Das scheinen viele Nutzer vergessen zu haben und liefern brav der Gesichtserkennung-Software die beste Datenbasis seit Jahren.

 

Danke fürs Mitmachen!

„Perfect storm for machine learning“ fasst es ein Zitat, dass Amy Webb zugeschrieben wird, zusammen. Menschen feuern mit ihren Posts eine selbstlernende Maschine an, die nun hübsch redaktionell von jedem einzelnen aufbereitet Alterungsprozesse in menschlichen Gesichtern verfügbar hat. Die perfekte Basis, um Individuen auch nach Jahrzehnten per Gesichtserkennung zu identifizieren.

Die indische Polizei hat mit einer vergleichbaren Technik über 3.000 vermisste Kinder in vier Tagen entdeckt. Auch Großbritannien und die USA berichten immer wieder von spektakulären Fällen, wo Gesichtserkennung zur Lösung eines Falls oder zum Auffinden einer vermissten Person geführt hat. Bei ca. 300 Aufnahmen pro Tag pro Person in z. B. Londons Innenstadt verwundert das allerdings auch nicht. London ist nicht ideal, um sich zu verstecken.

 

Unsere Daten sind der Kraftstoff.

Wer nichts zu verstecken hat, hat auch nichts zu befürchten, möchte man an dieser Stelle reflexhaft erwidern. Aber ist wirklich allen #10yearchallenge-Teilnehmern klar, dass sie ein System befeuern, das sie über die Jahrzehnte hinweg individuell identifizierbar macht? Und das nicht nur von Facebook?

Mich beschleicht – fernab von allen Verschwörungstheorien – ein gewisses Unbehagen, trotz meiner Faszination für neue Technik. Unsere Aktionen erzeugen Datenströme, die Unternehmen intelligenter und rentabler machen. Dessen müssen wir uns bewusst sein bzw. werden. Die Verantwortung für den respektvollen Umgang mit unseren Daten können wir nicht an Unternehmen oder Institutionen abgeben, die müssen wir leben.

 

Puzzleteile.

Die #10yearchallenge ist nur ein Phänomen, das den respektlosen Umgang mit unseren Daten zeigt. Die Payback-Karte, Alexa oder unsere iPhones erzeugen sekündlich Datenströme, die uns ort-, kategorisier- und identifizierbar machen. Als Marketer finde ich das großartig. Je mehr ich über meine Zielgruppe weiß, umso zielsicherer kann ich sie mit der richtigen Botschaft zum richtigen Moment im richtigen Medium befeuern. Aber als Privatperson bekomme ich die Krise, wenn mich dasselbe paar Schuhe wochenlang online verfolgt.
Mich beunruhigt in diesem Zusammenhang besonders, dass ich im Gegensatz zu meinem Cache und den Cookies mein Gesicht nicht einfach löschen kann. Und je besser die Gesichtserkennung wird, desto weniger bietet mir das Alter Schutz. Gesichtsplastiken erscheinen mir da als nicht gangbare Lösung.
Erstrebenswerter finde ich Lösungen, die mir Privatheit bei gleichzeitiger Nutzung der neuesten Technologien ermöglichen. Wie zum Beispiel dieses Device „Alias“:

Project Alias from Bjørn Karmann on Vimeo.

Björn Karmanns Idee ermöglicht es IoT quasi im Privat- oder Inkognito-Modus zu nutzen. Google Home oder Alexa hören dank des pilzartigen Aufsatzes nur noch, was sie sollen bzw. wir wollen. Irgendwie beruhigend – bis die nächste Datenkrake daraus wird.

„We should demand that businesses treat our date with due respect, by all means. But we also need to treat our own data with respect.“

Diese Zeile aus Kate O’Neill‘s zurecht in den letzten Tagen viel zitierten Artikels, fasst es perfekt zusammen: Wir sollten verlangen, dass Unternehmen unsere Daten unter allen Umständen mit gebührendem Respekt behandeln. Aber wir müssen auch unsere eigenen Daten mit Respekt behandeln.

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Stefanie Wibbeke

Gast

Steffi ist mit crowdmedia schon lange verbunden: 2011 organisierte sie bei Euroforum die Social-Media-Toolbox und lernte Sven als Referent kennen. Er hat scheinbar bleibenden Eindruck hinterlassen, denn seit 2012 sind die beiden ein Paar. Nach Stationen in Hamburger Agenturen ist Steffi heute Marketingleiterin bei Indeed Innovation. Mit ihren Kollegen kümmert sie sich um Service und Produktentwicklung und liefert uns die Infos zu den großen Trends wie Machine Learning und künstlicher Intelligenz.

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