Ein halbes Jahr Leistungsschutzrecht – das Beste, was dem Netz passieren konnte

von am 29. November 2012 verfasst

Wir schreiben den 29. November 2013. Seit etwa sechs Monaten ist in Deutschland das Leistungsschutzrecht, das so genannte „Lex Google“ in Kraft. Ich versuche an dieser Stelle eine kleine Rückschau, habe ich doch damals die Diskussion zum Einen als Politikwissenschaftler (naja, fast), der in noch nie dagewesener Klarheit unter Laborbedingungen Lobbyismus und Interessenverteidigung beobachten konnte und zum Anderen als ehemaliger Journalist, der sich hauptsächlich wegen der sehr niedrigen Honorare, die die Medienkonzerne zahlten, in das Internet „rübergemacht“ hat, intensiv beobachtet.

Sicher, und das gleich vorne weg, war ich damals etwas mehr auf der Seite der „Onliner“. Neben berufsbedingter Solidarität ist mir das Internet eben auch zu einer persönlichen Herzensangelegenheit geworden. In diesem Text von Lukas Heinser ist viel drin, was meine persönliche Gefühlslage widerspiegelt.

Zur Sache. Worum ging es damals? Wir standen vor einem Jahr dicht vor der ersten Lesung zum Leistungsschutzrecht für Verlage. Das Leistungsschutzrecht sollte (und soll ) das Geschäftsmodell der Verlage sichern. Die Argumentation: Große Suchmaschinen wie Google (damals mit einen Marktanteil von bummeligen 97 Prozent) sollten dazu verpflichtet werden, für die Snippets – also die kleinen Textschnipsel unter den Suchergebnissen – zu zahlen. Diese seien geistiges Eigentum der Verlage und die Darstellung der Texte auf einer Suchergebnisseite somit Diebstahl. Der Aufschrei in der „Online-Szene“ war groß. Man fürchtete um die Struktur des Netzes, wie man (und frau) es kannte, von „rückwärtsgewandheit“ war die Rede. Dem gegenüber die Verlage, die Google als ihren Hauptfeind ausgemacht hatten und sich auf den amerikanischen Konzern einschossen. Google antwortete mit einer Anzeigenkampagne ausgerechnet in den Blättern, die heftig gegen Google wetterten.

Die Empörung kulmulierte in der Gründung einer Initiative, brachte mehr oder weniger ernst gemeinte Solidaritäts- und „Jetzt-erst-recht“-Aktionen hervor wie die hier oder die hier oder die hier. Gelacht werden durfte auch, im Lummaland zum Beispiel. Am Ende mischte selbst Microsoft mit und versuchte, bei Bing zu retten, was (vermeintlich) zu retten war.

Die Debatte füllte ein ganzes Buch, ich will das hier nicht wieder aufwärmen – vergeben und vergessen.

Sachliches fand man selten, wohltuend an dieser Stelle der NDR und der Cicero. Gemeinsames Element aller Beiträge: Jeder machte sich Sorgen. Es konnte nur Verlierer geben.

Darüber können wir heute nur noch lachen. Denn was niemand auf dem Zettel hatte: die damals kränkelnde Bloggosphäre. Sicher, seitdem Google die Verlagsprodukte ausgelistet hat, fehlt irgendwas. Die Suchergebnisse, die ich ausgeliefert bekommen, verweisen noch sehr häufig auf Blogs, deren Urheber ich nicht kenne und die ich nicht einschätzen kann. Aber: immerhin leben deutsche Blogs jetzt. Und wie. Es wird sich bestätigt, verbessert, ergänzt, es wird gerelinkt, was das Zeug hält. Das schöne daran ist, dass ich das Gefühl habe, meine Filterbubble hat sich enorm vergößert. Ich lebe nicht mehr in einem Kosmos, der hauptsächlich aus den Meinungsführern der politischen Journalisten und Feuilletonmachern besteht. Und ja, es ist tragisch, dass einige der Zeitungen, die die Bundesrepublik mit ausmachten, insolvent gegangen sind. Und die, die geblieben sind, haben eine sehr reduzierte Auflage und einen kleinen Mitarbeiterstamm. Aber diese haben etwas, was sie vorher in der Intensität nicht kannten: Sie haben Fans und Apolegeten. Nur die taz hatte vorher, was nun auch Zeit und Hamburger Abendblatt und wie sie alle heißen, aufgebaut haben. Eine treue Leserschaft. Eine Leserschaft, die das Papier liebt, die Ruhe beim Lesen und spannende Reportagen, deren Lektüre sich gerne auch über das Wochenende hinziehen darf. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Meinungspluralität in Deutschland deswegen verringert hat. Im Gegenteil muss es für die Mitarbeiter dieser kleinen, meist regionalen Zeitungen doch eine Wohltat sein, das das Leben wieder planbar ist. Die Qualität hat die Quantität abgelöst.

Aber ich schweife ab, ich wollte ja was zu den BloggerInnen sagen. Franziska Bluhm hat sich bereits im Oktober 2012 beschwert, dass die Blogs irgendwie stagnieren (ich interpretiere mal frei). Selbstreferentiell, wenig Transparenz usw. Das Ding lief – aber halt nur irgendwie und „früher war natürlich alles besser“. Die Auslistung der Verlage hat der gewünschten Entwicklung einen Riesenschub gegeben – Meinung lohnt sich wieder, und zwar auch die „Kleinen“ und Nichtkommerziellen. Ihre Wahrnehmung im internet ist gefühlt um ein Vielfaches gestiegen. Ich vermute, die Einnahmen auch – wenn es Werbung gibt. Die Gründung des ersten Verbandes, der sich nur um hauptberufliche Blogger kümmert, steht unmittelbar bevor.

Ich gönne das diesen Menschen, lange genug haben sie ein Nischendasein gefristet, sich die Finger wundegetippt und sich über den Einheitsbrei auf Suchergebnisseite eins geärgert. Soweit der individuelle Nutzen.
Der gesellschaftliche Nutzen ist noch gar nicht absehbar. Es fühlt sich an, als sei dem deutschen Internet eine intellektuelle Rosskur verordnet worden. Wir haben eine Debattenkultur, die weit über das noch im letzen Jahr bekannte hinausgeht. Dazu hat sicher beigetragen, dass viele ehemalige Redakteure mitmischen und frei von der Leber weg schreiben, was sie denken. Die alten Netzwerke, die alten Kontakte gibt es noch – aber sie sind nicht mehr an Macht gekoppelt. Und das tut gut.

Gegner wenden ein, dass natürlich auch die heutige Bloggerszene nicht vollkommen unkäuflich ist und die Unternehmen deswegen die Werbeausgaben verstärkt umlenken. Aber hey, das war bei den Zeitungen auch schon so. Nur wurde es wenig bekannt, ihr kennt die Krähen, die sich gegenseitig nichts aushacken. Um es deutlich zu sagen: Ich hielt und halte die deutsche Presselandschaft in ihrer Gesamtheit nicht für korrupt. Aber nicht umsonst hat jede Firma, die was auf sich hält, einen Experten für Kommunikation bzw. einen Spindoctor angestellt. Jeder, der öffentlich schreibt, sieht sich der versuchten Einflussnahme ausgesetzt. Ich setze hier ganz auf die selbstregulativen Kräfte. Gekaufte Posts werden mit Nichtachtung bestraft und fertig. Integere und weniger integere Menschen gibt es überall. Gut, dass ab dem nächsten Schuljahr „Medienkompetenz“ ein deutsches Unterrichtsfach wird.

Ich gehe jetzt los und hole mir meine Wochenzeitung aus dem Briefkasten – schließlich ist bald Wochenende.

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Als Channel und Content Experte ist Wilko ist mit seinen journalistischen Wurzeln unser Mann, wenn es um redaktionelle Arbeit und redaktionelle Prozesse geht.Sein Wissen setzt er in Kundenprojekten um und teilt es als Seminarleiter mit den Teilnehmern unserer Social Media und Content Marketing Seminare.

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