Social Media

Facebook als moderner Pranger

von am 25. April 2012 verfasst


Tja, so sind wir Menschen. Gibt es einen Anlass andere gebührend für etwas zu bestrafen, und sei es auch öffentlich bei Facebook, so machen wir es. Meist auch mit größtem Vergnügen und in großer Zahl.

Aktuelle ist die deutsche Hochspringerin Ariane Friedrich Gegenstand der netzweiten Diskussion. Was genau ist passiert? Auf Facebook postete sie den Namen und Wohnort einer Person, welche ihr zuvor eine Mail mit sexistischem Inhalt geschickt hatte. Ihr Umgang damit führte schon nach kurzer Zeit zu hitzigen Wortgefechten auf ihrem Profil.

 

Facebook bestraft wie im Mittelalter

Einige Beispiele aus der älteren und jüngeren Vergangenheit zeigen, seit es Facebook gibt, befindet man sich als mutmaßlicher Sündenbock schneller am virtuellen Pranger als es einem lieb ist. Man erinnere sich nur an 2010 und die bereits legendäre Mülltonnen-Katze, die von einer unbekannten Frau in selbige geworfen wurde. Ein Aufschrei ging durch die Internetgemeinde und die Bürger der englischen Stadt Coventry drohten der Frau mit Mord und Totschlag. Ausgelöst wurde der Protest durch ein Überwachungsvideo der Polizei, welches die Tat zeigt und die Bürger zur Mithilfe aufgeforderte. Dass sich die User allerdings so intensiv beteiligten, damit hatte zu dem Zeitpunkt wohl keiner gerechnet. Schnell war Name und Adresse ausfindig gemacht und die Frau musste um ihr Leben fürchten.

Und ganz jüngst erst der brutale Überfall auf ein junges Mädchen in Emden. Sie starb und ganz Deutschland nahm Anteil an dem schrecklichen Verbrechen. Auch in diesem Fall wurden schon nach kurzer Zeit erste Verdächtige benannt und öffentlich gemacht – so auch auf Facebook. Was folgte war eine Hetzkampagne die ihresgleichen sucht. Das Foto des vermeintlichen Täters, eines 17-jährigen Jugendlichen, wurde auf Facebook gepostet und die User ließen ihren aufgestauten Emotionen freien Lauf. Ob es sich dabei um den wirklichen Täter handelte, war zu dem Zeitpunkt noch nicht zweifelsfrei bewiesen. Mittlerweile ist klar, nein, er war es nicht. An ein Leben in der  Umgebung Emden ist für den jungen Mann nun nicht mehr zu denken. Da helfen auch die Entschuldigungen manch eines Facebook Users im Nachhinein leider nichts mehr. Hier, wie auch im Beispiel vorher, scheint die Polizei eine erhebliche Teilschuld zu haben. Was allerdings nicht minder auf die fehlende Erfahrung der Beteiligten mit dem noch neuen Medium zurück zu führen ist. Doch da wiederum stellt sich schnell die Frage, ab wann wird Facebook überall vollkommen erstgenommen und in Kalkulationen zur medialen Verbreitung miteinbezogen?

 

Richtig gesteuert kann Facebook aber auch helfen

Etwas anderes lief es bei den Fahndungen der hannoverschen Polizei im Jahre 2011 ab, bei der laut eigener Angabe sieben erfolgreiche Vermissten- und Täterfälle mithilfe der Facebook-Gemeinde aufgeklärt werden konnten. Auch dort wurde über Postings auf Facebook zur aktiven Suche aufgerufen. Die User teilten die Beiträge und kommentierten auf eine vorher von der Polizei festgelegten Art und Weise. Zwischenzeitlich wurden die Fahndungen über Facebook aufgrund von Unklarheiten beim Datenschutz zwar für eine gewisse Zeit eingestellt, mittlerweile darf das Kommissariat jedoch wieder über das Netzwerk aktiv sein.

Bewusst und mit klarem Ziel wurde hier Facebook als Verbreitungskanal ausgewählt und mit Informationen bespielt. Deutlich wurde den Usern in einem erklärenden Text der Sachverhalt erläutert und darum gebeten zwar zu teilen und zu kommentieren, aber keine direkten Zeugenhinweise zu posten.

Natürlich wurde in diesen Fällen die Vernunft und das rationale Handeln der User gewissermaßen vorausgesetzt. Was selbstverständlich nicht immer, und schon gar nicht bei Taten wie in Emden, an der Tagesordnung sein kann. Allerdings war dort auch die Polizei nicht der Initiator der Online-Verbreitung.

 

Risiken werden nicht bedacht

Bei der aktuellen Aktion von Ariane Friedrich wird bewusst das Anprangern der Person durch den Post erzwungen und in diesem Fall begibt sich das Opfer selbst auf rechtlich gesehen dünnes Eis und kann schnell selbst zum Täter werden. So erklärt es zumindest der Düsseldorfer Strafrechtler Udo Vetter in seinem Blog. „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht schützt jeden davor, in der Öffentlichkeit ohne triftigen Grund bloßgestellt zu werden. So eine Privataktion ist deshalb schlichtweg unzulässig, und zwar unabhängig davon, ob der Betreffende tatsächlich so ein Bild an Frau Friedrich geschickt hat.“ Die zu unrecht geschädigten Personen hätten sogar das Recht „zivilrechtlich mit einiger Sicherheit Unterlassungs-, Schadensersatz- und womöglich auch Schmerzensgeldansprüche“ geltend zu machen.

Klingt nicht sehr aufmunternd, zumal es laut der Zeitschrift Stern einige Personen mit gleichem Namen gibt. Und auch der genannte Ort taucht auf der deutschen Landkarte öfter auf.

Ebenso ist die Bezeichnung des Stalkers in diesem Fall nicht wirklich zutreffend, da es sich nicht um eine Wiederholungs- sondern um eine Einzelmail der betreffenden Person handelt, erläutert Rita Steffens vom Darmstädter Institut für Psychologie- und Bedrohungsmanagement.

Was wäre, wenn es sich bei der Mail nun um einen anderen Absender als den vermuteten gehandelt hätte? Ist sich die Sportlerin dem möglichen Ausmaß einer solchen Aktion bewusst?

Überhastet und voreilig scheint sie zumindest nicht gehandelt zu haben. Sie schreibt von dem bewussten Bekanntmachen der Person,  als ein Zeichen aktiv zu Handeln und nicht alles über sich ergehen zu lassen.

Man kann nur mutmaßen, was passiert, wenn sich die Anschuldigungen als falsch herausgestellt hätten. Oder die User wie im Fall Emden selbst aktiv geworden wären, weil sie als wahre Fans ihrem Idol zu Seite stehen wollen.

Sie bekommt eine Menge positives Feedback und die Likezahlen unter dem Post wachsen auf über 5700 an. Doch wird ebenso auch über den Sinn einer solchen Aktion diskutiert und es mischen sich auch negative Meinungen darunter. Was ist Recht, was Unrecht?

 

Fazit

Natürlich kann man nicht jedem Facebooknutzer vorwerfen die genauen Abläufe und Mechanismen des Netzwerkes zu kennen und auch alle Folgen richtig einzuschätzen. Nur sollte man sich sicher sein, nicht selbst rechtliche Grenzen zu überschreiten, wenn man sich zu solchen Veröffentlichungen entschließt. Das kann im schlimmsten Fall richtig teuer werden und auch das eigene Image nachhaltig schädigen.
Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass einmal ausgesprochene Verdächtigungen oder Vorwürfe gegen Personen vielleicht ein Leben lang als digitaler Fußabdruck im Netz vorhanden sein können. Ebenso wie vermeintliche Partybilder und Späße aus der Jugend, die bei Bewerbungsgesprächen dem Personaler bitter aufstoßen, welche allerdings auch, und dies zum Glück, in eine ganz andere Kategorie fallen.

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Benjamin Grabbe

Ehemaliger

Ben ist ein crowdmedia-Urgestein. In der Startphase 2010 war er der erste Nicht-Gründer im Team. Ben ist begeisterter A-cappella-Musiker. Das ist auch der Grund, warum sich unsere Wege Mitte 2012 trennten. Mit seinen Bandkollegen von Mundial wollte er wissen, ob sie von der Musik leben können. Alle vier nahmen sich im Job eine Auszeit und stellten die Band für 12 Monate in den Mittelpunkt. Wir haben die Daumen fest gedrückt. Aber leider reichte es nicht. Mundial sind – soweit wir wissen – immer noch am Start und treten dann und wann auf Festen auf. Ben ist im Job zurück zu seinen Wurzeln gekehrt und Social-Media-Manager bei Elbkind und PuK.

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