Meinung

"Facebook nervt" – Haben Jugendliche genug vom weltweit führenden sozialen Netzwerk?

von am 13. März 2014 verfasst


Die Jugendlichen gehen weg von Facebook. Oder doch nicht?

Dass Jugendliche die Nase voll von Facebook haben, ist eine Behauptung, die in der Social Media-Branche bereits seit Längerem kursiert. Das Ende von Mark Zuckerbergs erfolgreichem Unternehmen wird prophezeit und Vergleiche mit dem Schicksal von MySpace und SchülerVZ bleiben nicht aus. Für diese These wird immer wieder die Studie von iStrategyLabs aus den USA herangezogen, die zeigt, dass zwischen Januar 2011 und Januar 2014 die Zahl der Nutzer zwischen 13 und 17 Jahren um 25,3 Prozent und die Zahl der Nutzer zwischen 18 und 24 Jahren um 7,5 Prozent geschrumpft ist.

usa_facebook_zahlen_jan2011_jan2014Quelle: Allfacebook.de / Auszug – iStrategyLabs Studie

Zum einen muss man jedoch bedenken, dass diese Werte nur für die USA gelten und zum anderen ist es wichtig, dass man die verwendete Methode für diese so genannte „Studie“ anschaut. iStragetyLabs hat dafür nämlich ausschließlich das Facebook-Anzeigentool “Facebook Social Ads Platform (Estimated Reach)” verwendet und hier die Reichweite eingestellt und ausgelesen. Dasselbe hat allfacebook.com für Deutschland gemacht und da sah das Ergebnis für den gleichen Zeitraum ganz anders aus: Bei den 13- bis 17-Jährigen gibt es einen Zuwachs von 44 Prozent und bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 68 Prozent.

deutsche_facebook_zahlenDaraus lernt man, dass man vorsichtig mit Interpretationen und Pauschalisierungen von statistischen Werten sein muss, wenn diese nur eine grobe Tendenz für Unternehmen darstellen sollen und nicht auf Basis einer wissenschaftlichen Studie beruhen.

Anstieg um zwei Prozent oder eher „Hast du Whatsapp?“

Obwohl auch in Deutschland das Wachstum der Nutzer über die letzten Jahre nicht stetig gewachsen gewachsen ist, steht dennoch fest, dass Facebook nicht dem Untergang geweiht ist. Wenn man sich eine echte Studie anschaut, sehen Nutzeraktivitäten der Jugendlichen anders aus: Die BitKom-Studie 2013 zeigt, dass die aktive Nutzung von Social Networks unter den 14- bis 29-Jährigen im Vergleich zu 2011 um zwei Prozent gestiegen ist. Dabei ist Facebook mit 83 Prozent das am meisten genutzte Netzwerk unter den „Digital Natives“ in Deutschland.

Eine andere Geschichte ist jedoch der „gefühlte“ Nutzerrückgang bei den Jugendlichen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich zwar noch auf Facebook bin, aber seit Whatsapp und Instagram habe ich das Chatten bei Facebook durch die kostenlose SMS-App ersetzt und meine Fotos teile ich lieber auf der Micro-Blogging-Anwendung.

Facebook gehört für viele Jugendliche inzwischen nur noch zum allgemeinen Internetauftritt dazu und verliert an Relevanz beim Social Networking, auch wenn das nicht automatisch geringere aktive Nutzerzahlen bedeutet. Ich schaue zum Beispiel aus Routine jeden Tag hinein, kommentiere auch mal etwas und „like“ das ein oder andere, aber die digitale Kommunikation mit Freunden und Mitschülern findet hauptsächlich durch Whatsapp statt.

Fakt ist: Der Hype um Facebook bei den Jugendlichen ist vorbei. Wir fragen nicht mehr: „Hast du Facebook?“ . Wir fragen: „Hast du Whatsapp?“ Es sei denn natürlich, man möchte keinen persönlicheren Kontakt.

Facebook als „Schweinchen in der Mitte“?

Eine andere Sache ist der Facebook-Hype bei den älteren Nutzern: Auch Studien belegen, dass Facebook demografisch älter wird. Das ist sicherlich interessant für Unternehmen mit älteren Zielgruppen, die sich dadurch animiert fühlen, Facebook als Marketing-Tool zu verwenden, gleichzeitig mag diese Entwicklung Facebook für Jüngere unattraktiver machen.

Trotz veränderter Sicht auf Facebook und verlagertem Hype auf andere Social Media-Kanäle ist Facebook für Jugendliche nicht wegzudenken. Da findet man doch mehr Jugendliche, die nur Facebook haben und kein Whatsapp oder Instagram, als solche, die noch nie Facebook hatten und erst mit den neueren Social Media-Netzwerken angefangen haben. Ich glaube, dass Facebook sich unter den jüngeren Nutzern zu etwas wie einem Mittelding zwischen E-Mail und Whatsapp entwickelt.

Während die E-Mail für die meisten als formal gilt und für Bewerbungen oder als Kommunikationsmittel zu Lehrern verwendet wird, ist Whatsapp die private Alternative für Freunde und Familie, vor allem weil für die SMS-Ersatz-App die eigene Handynummer erforderlich ist. Facebook als „Schweinchen in der Mitte“ ist halt persönlicher als E-Mail, aber noch lange nicht so „privat“ wie Whatsapp. Diese Tendenzen bedeuten aber nicht, dass es keine Ausnahmen gibt. Mitschüler haben mal zu schulischen Zwecken die Handynummer von einem Lehrer bekommen und seit dem wird auch mal auf Whatsapp geschrieben und genauso gibt es Lehrer, die auf Facebook mit ihren Schülern befreundet sind

„Facebook nervt“: Warum eigentlich nochmal?

Mich persönlich nervt Facebook auch. Mich nervt die Optik des Chats und die Neuigkeitenleiste an der Seite. Mich nervt es, dass man bald bei den Privatsphäre-Einstellungen unter „Wer kann mich finden“ nicht mehr „Freunde“ einstellen kann, weil es dann nur die Option auf „Alle“ geben wird. Mich nerven gesponserte Posts von Seiten, die mich nicht interessieren. Hinzu kommt, dass Facebook Whatsapp gekauft hat und vor allem nervt mich die Atmosphäre auf Facebook. Die ungeschriebene Regel scheint zu sein: Auf Facebook bist du die beste Version deines Selbst, auch wenn es sehr weit entfernt von dir ist. Das gilt vor allem für die sehr jungen Nutzer, die sich mit 12 schon bei Facebook registrieren, dabei aber 13 angeben und dann folgen lauter Posts über gebrochene Herzen, dass Männer nur das eine wollen und Frauen geldgeil sind. Es lässt sich, glaube ich, auf jeden Fall darüber streiten, wie lebenserfahren 12-Jährige sind. Dieses Nutzerverhalten von Jugendlichen ändert sich dann aber mit zunehmendem Alter und es kommt so weit, dass fast gar nichts gepostet wird, teils aus Gleichgültigkeit und teils aus schlechten Erfahrungen wie zum Beispiel mit Fakeprofilen, öffentlichen Auseinandersetzungen, Cybermobbing etc. Wie Paul es treffend formuliert hat: „Insgesamt hat Facebook  ein hohes Nervpotenzial, weil alle versuchen, sich so toll und cool wie möglich zu präsentieren.“ Und trotzdem bin ich nicht so weit, dass ich sagen würde, ich möchte Facebook deaktivieren oder löschen, was einem ja sowieso nichts bringt, weil die Daten dennoch gespeichert werden.

Fazit

Man halte fest: Facebook ist nicht mehr DAS soziale Netzwerk für Jugendliche, von dem die Erwachsenen keine Ahnung haben. Die Ernüchterung nach dem Hype ist da und das Potenzial längst erkannt. Gleichzeitig muss Facebook sich gegen Konkurrenten wie Instagram und – ach ja – fast hätte ich Whatsapp gesagt, aber die beliebte App gehört ihnen ja auch schon, behaupten. Doch das Wichtigste: Allein aus einem Gefühl von Selbstverständlichkeit ist und wird Facebook wohl noch eine ganze Weile führendes soziales Netzwerk sein, auch unter den Jugendlichen.

Zum Abschluss möchte ich sagen, dass man viele Jugendliche fragen könnte und diese würden meinen Eindruck vollauf bestätigen. Dann wird es aber mindestens genauso viele geben, die anderer Meinung sind. Das hängt alles vom Umfeld, vom Ort oder auch von der Schule ab. Jede Szene hat für sich eine eigene Art der Facebook-Nutzung aufgebaut, die Außenstehende bzw. Mitglieder anderer Szenen (und Altersgruppen nicht zu vergessen) nicht kennen, verstehen oder eigenartig finden.

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Sven-Olaf Peeck

Geschäftsführung

Er mag das Internet und digitales Marketing. Er glaubt daran, dass alles messbar gemacht werden kann und auch sollte. Entsprechend schreibt Sven oft über Messbarkeit oder teilt seine Bewertung von Hypes. Svens Hoffnung: dass Firmen durch mehr Wissen weniger Quatsch im digitalen Marketing machen. Folge ihm auf LinkedIn oder Twitter für mehr Infos und auf instagram für Bilder mit dem HDR Regler am Anschlag .

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