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Gekaufter Facebook Shitstorm – wem würde es helfen?

von am 8. August 2012 verfasst

Wem würde ein gekaufter Facebook Shitstorm helfen? Oder anders: Wer hat ein Motiv, einen gefakten Shitstorm loszutreten? Die Frage liegt euch, wenn ihr genau wie ich typisch deutsch mit ordentlichem Hang zum Skeptizismus erzogen worden seid, vermutlich ebenfalls auf der Zunge. Wenn wir (und das gilt gerade für so zahlenlastige Onlinemarketing’ler wie mich) an eines nicht glauben, dann sind das Zufälle. Werfen wir also einen Blick auf das, was bei McDonalds, Vodafone und Galileo in den letzten Tagen passiert ist.

Was war passiert: bei Vodafone beschwerte sich eine Userin über ungerechtfertigte Rechnungen, bei McDonalds beschwerte sich Kevin über die Preiserhöhung beim Cheeseburger und bei Galileo (Original Post inzwischen gelöscht) wurde das fehlende Niveau der Beiträge kritisiert. Alles nichts ungewöhnliches möchte man meinen oder? Spannend daran war das explosionsartige Ansteigen des Feedbacks durch andere Facebook-User. Und das ließ dann den Verdacht aufkommen, dass etwas nicht ganz koscher sei.

Vorüberlegungen: Wie könnte man einen Shitstorm künstlich schaffen?

Facebook ist ein soziales Netzwerk, in dem sich Menschen vernetzen und mit anderen Menschen oder Profilen von  Marken, Stars oder Firmen interagieren. Kann da überhaupt ein Shitstorm gefaked werden?

In der Theorie ja, denn auf Facebook – auch wenn Facebook gerade bemüht ist den Facebook Fake-Profilen den Garaus zumachen – besteht zu einem nicht kleinen Teil aus Fakeprofilen. Facebook selbst spricht von etwa 100 Millionen nicht ganz seriösen Profilen. Beispiel gefällig? Dieser junge Mann namens Jarred versucht seit ca. 4 Monaten in einige geschlossene Gruppen zu Social Media Seminaren, die wir veranstalten, einzutreten. Fällt was auf?

Gut aussehender junger Mann, vielsprachig (Spanisch, Estnisch, Afrikaans und Englisch), Absolvent einer Top-Universität  mit einem spannenden Job bei der „New York Times“ und dann 62 Freunde … Ja ne, ist klar. Seine Werbepostings auf der Timeline (alle über Seesmic per Tool geposted) machen es auch nicht realistischer oder wahrscheinlicher, dass ich dem armen Jarred mit meiner Vermutung gerade unrecht tue.

Also halten wir fest: Ja, es gibt Fake Accounts z.B. mit der Movitation Facebook Shares für SEO Zwecke zu generieren oder Profile zu hijacken. Entsprechend ist die Annahme, dass man mittels solcher Netzwerke von Fake Profilen auch gefakte oder gekaufte Shitstorms auf Facebook generieren könnte, nicht unredlich.

Der Makel solcher Bots ist allerdings, dass sie auffällig unmenschlich schreiben (wie die  Spam Mails, die wir jeden Tag  bekommen zu Lottogewinnen etc. oder die maschinell übersetzten Anleitungen von günstigen Elektroartikeln) und daher leicht zu erkennen sind. Schlecht für die Entwickler, gut für uns. Daher fällt die Option, dass Vodafone, McDonalds etc. Opfer eines Bot-Netzes geworden sind, wohl aus.

Wie ein Bot postet, konnte man diese Woche sehr schön bei Legoland  sehen:

Was einen echten Shitstorm ausmacht ist ja, dass viele User sich beteiligen – in Form von Kommentaren, Posts oder „Gefällt mir“-Angaben und somit zu Posts ihre Meinung äußern.

Unter denen „leidet“ Vodafone aktuell (Galileo und McDonalds auch, aber der Übersichtlichkeit halber nehme ich mal Vodafone als Beispiel).

Das was Kai Thrun in seinem Artikel zum gekauften Shitstorm auf Facebook aufgefalllen ist, sind die seltsamen Muster im Verlauf der Kommentare bei Galileo und McDonalds und die extrem hohe Zahl der Likes auf Userposts. Wieso erhält ein Userpost über 145.000 Likes? Das ist eine berechtigte Frage, denn das bekommen noch nicht mal die ganz erfolgreichen Seiten hin, wenn sie etwas schreiben.

Wäre es denkbar einen gefakten Facebook Shitstorm zu starten?

Ja, das ist durchaus denkbar. Entweder, wie oben beschrieben, durch den Einsatz von Fake-Profilen, welche bestehende Kritik künstlich pushen und so zu starker Sichtbarkeit führen oder durch Mechanismen wie z.B. Click-Jacking, bei dem User auf z.B. etwas klicken, das wie ein Videoplayer aussieht in Wirklichkeit aber gerade eine „Gefällt mir“-Angabe auslöst. Ihr alle kennt die Videos mit versprochenen „nackten Tatsachen“, die regelmäßig von euren Freunden auf Facebook empfohlen werden.

Wichtig ist dabei allerdings, dass man im Gegensatz zu den kleinen Pornovideos dort, hier echte Kritik braucht, damit sich aus dieser Keimzelle ein Shitstorm entwickeln kann. Wenn dann noch, wie im Beispiel Vodafone, die großen Off- und Online Medien auf den Zug ausspringen, dann wird das ganze schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Vodafone, McDonalds, Galileo – sind das gefakte Shitstorms gewesen?

Gute Frage. Und es bleibt wohl ein Indizienprozess. Was man aber auf jeden Fall festhalten kann, ist: die User haben Gesprächsbedarf und der wird anscheinend auch von echten Usern getragen. Aber der Auslöser könnte künstlich geschaffen oder zumindest stark unterstützt worden sein. Denn was macht den Post von Corinna Justus so besonders, dass über 145.000 Personen „gefällt mir“ drücken? Es war einer von 35 User Posts, die am 25.07. auf der Vodafone Timeline geposted wurden. Einer von (laut Facebook Graph) 3.248 Posts zwischen dem 10. Juli und dem 8. August 2012.

Dieser eine hat 145.000 „Gefällt mir“-Angaben oder, anders ausgedrückt, 3,9 mal mehr „likes“ als alle anderen 3.247 Posts zusammen. Der durchschnittliche User Post vor diesem Supergau (477 an der Zahl) Post hatte 11 Likes, danach kamen 2.770 Posts die wiederum im Schnitt 8 Likes hatten. Also eigentlich geht die Aktivität (pro Post gesehen) sogar zurück.

Was können wir also festhalten? Das Volumen der Userposts pro Tag hat sich mehr als versechsfacht. Dies ist sicherlich auch stark getrieben von dem allgemeinen Buzz. Es kotzt sich jetzt noch mal jeder über Vodafone  (oder die anderen Betroffenen) aus – einfach nur, weil er es kann und alle anderen es auch tun.

Also alles Fake? Nein, das auf keinen Fall! Dafür stecken zu viele verschiedene User, darunter wohl auch viele Krawalltouristen, die lediglich einen Kommentar ablassen, dahinter.

Wie ist die Grafik zu lesen? Von den 13.858 Kommentatoren sind 94% genau einmal im Kommentarthread zum Post von Corinna Justus aktiv geworden.

Aber es gibt unter den knapp 14.000 Kommentatoren auch einige sehr fleißige Schreiber. Folgend die Top Kommenatoren (ausschließlich für den Post von Corinna Justus):

Wie sich die Kommentare im Zeitverlauf entwickeln, das finde ich hingegen recht organisch. Hier seht ihr die aggregierte Zahl der Kommentare pro Stunde. Spannend, dass die Diskussion wiederbelebt wird und dann erneut abflacht, vielleicht ein externer Impuls durch Medienberichterstattung.

Mein Fazit zum Shitstorm bei Vodafone (und den anderen)

Ich mag die Antwort selber nicht, weil sie wenig greifbar ist, muss aber leider für mich festhalten: Es bleibt ein Indizienprozes und ja, es wirkt auf mich „gefaked“ bzw. initiiert.

Was den Verdacht erhärtet (wir glauben ja schließlich nicht an Zufälle), dass hier was faul sein könnte im Staate Facebook, ist natürlich die Häufung der Fälle. Einzelne Posts die total viel Feedback einsammeln und extreme „Gefällt mir“-Angaben ernten. Da müsste man dran bleiben. Denn leider gibt einem der Facebook Graph im Nachhinein keine Timestamps für die „Gefällt mir“-Äußerungen mit und daher ist das Like Wachstum nicht zu sehen, was immer ein SEHR eindeutiger Indikator für Fake oder auch Fankauf ist.

Vielleicht ist ja Like Kauf das neue Geschäftsmodell, um sich selber bessere Edge Rank und den anderen Shitstorms zu bescheren?

Es ist ein Phänomen,  dass ich hochgradig spannend finden und wir werden uns sicher in den nächsten Tagen noch weiter damit auseinandersetzen. Und das bestimmt nicht als einzige. In diesem Sinne: Stay tuned!

8 Comments

Kai Thrun

August 8, 2012 @ 15:19

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Das die Kommentare echt sind, daran besteht und bestand nie ein Zweifel 😉

Danke fürs weiterführen des Themas! 🙂

Sven-Olaf Peeck

August 8, 2012 @ 17:20

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Das ist auch so bei mir angekommen, dass du v.a. die Frage der initialen Manipulation siehst. Sei es durch Klickbots oder wie in dem Artikel den Alexander oben verlinkt hat durch Absprache.

Also eine zielgerichtete(re) und aggressivere Variante von „wir sind Einzelfall“? vielleicht.

Léonie Hönisch

August 8, 2012 @ 17:58

Reply

Auf jeden Fall eine spannende Indizienführung. Es ist schon auffällig, wie viel shitstorms in den letzten Tagen über Facebook hinweg geweht sind – trotzdem spricht vieles für ein einfaches Massenphänomen: wo Müll liegt wird noch mehr Müll abgeladen. Auf die ersten reaktionen folgen die „Krawalltouristen“. Und ab einer gewissen Anzahl an Reaktionen, trauen sich viele Leute, ebenfalls ihre Meinung zu äußern. Die Medienaufmerksamkeit tat dann ihr übriges, um die breite Masse von diesem öffentlichen Müllabladen zu informieren. Und jetzt ist das Feuer auch zu Galileo und McDonalds übergesprungen. Angestachelt? Bestimmt ein bisschen – wer wollte nicht schon einmal einem großen Unternehmen „so richtig die Meinung geigen“?… Wirklich planen und kontrollieren lässt sich so ein shitstorm, meiner Meinung nach, trotzdem nicht. Öl ins Feuer zu gießen ist dagegen relativ leicht.

Sven-Olaf Peeck

August 8, 2012 @ 18:18

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Aus meiner Sicht ist das spannende an der Diskussion, ob man es (manuell oder technisch) schaffen kann das von dir beschriebene Öl geplant und auch gesteuert ins Feuer zu gießen.

Wenn man also eine Thema das da ist (unzufriedene Kunden / Konsumenten) aufgreift und pushed, gibt es dann ein virtuelles Pendant der broken windows theory und die schweigende Masse wird aktiviert sich zu artikulieren?

Und wenn der Aufwand gering ist, dann könnte man durch oft genug probieren jede größere Firma zumindest unter Druck setzen.

Svenja Teichmann

August 8, 2012 @ 20:46

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Und dann tauchen die hier auf und rühmen sich mit den shitstorms: http://weshitthestorm.wordpress.com/ & https://www.facebook.com/WeShitTheStorm

Tim

August 16, 2012 @ 17:48

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is dir langweilig?

Sven-Olaf Peeck

August 20, 2012 @ 14:25

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Nee, alles fein soweit. Aber danke der Nachfrage!

Ich

Mai 13, 2014 @ 20:48

Reply

Da ich Corinna Justus sehr gut kenne kann ich dir sagen, dass nichts daran gefaket ist und Vodafone alles getan hat um aus der Sache raus zu kommen. Alle Kosten auf die sie Wochenlang bestanden haben wurden direkt erlassen. Was auch nur wieder zeigt was das für Verbrecher sind , weil sie denken das alle Leute sich so etwas gefallen lassen da sie keine Chance haben sich dagegen zu wehren ! Auch war man sehr interessiert daran das sie sich nicht weiter dazu äußert , besonders nicht gegenüber Fernsehteams oder anderen Berichterstattern…

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Autor

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Nach Ausbildung zum Drucker und BWL Studium startete Sven als Account Manager bei den Hamburger Adwords und SEO Spezialisten von eprofessional. Nach einer kurzen Phase als Freelancer gründetet er 2011 gemeinsam mit Svenja crowdmedia.Sven hat sich in eigenen und Kundenprojekten ein breites Wissen über Webtechnolgie und Onlinevermarktung raufgeschafft von dem unsere Kunden und die Teilnehmer unserer Onlinemarketing Seminare profitieren.

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