Meinung

„Ich entscheide aus dem Bauch heraus“ – Ein Blick aus der Praxis auf die Urheberrechtsdiskussion

von am 14. Juni 2012 verfasst


Hallo, Stefan, erst einmal vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast. Ich wollte mich gerne mit dir unterhalten, weil ich ein wenig darüber lernen möchte, wie es sich so als etablierter Einzelkämpfer und Kreativer mit dem Internet leben lässt. Für die, die dich nicht kennen sollten: Magst du dich und deine „Berufung“ sowie deinen Werdegang kurz vorstellen?

Ich fotografiere – am liebsten Menschen: Portraits, Hochzeiten, Events… Darüberhinaus arbeite ich für eine Hamburger Agentur als Sportfotograf. Das mache ich schon sehr lange – wenn auch mit einer Unterbrechung. Aber ich habe schon Ende der 80er meine Bilder regelmäßig in Zeitungen gehabt – inklusive der dazugehörigen Dunkelkammerarbeit…

Ich nehme mal an, dass sich dein Berufsbild durch das Internet und die „sozialen Medien“ in den letzten Jahren gewandelt hat. Ich meine damit nur nebenbei die Digitalisierung der Fotografie sondern vielmehr die leichtere Reproduzierbarkeit deiner Werke und die gestiegene Verbreitung.
Kannst du diesen Wandel für dich persönlich mal kurz skizzieren? Ab wann hast du dir Gedanken über eine Homepage gemacht, wann konntest du Facebook nicht mehr ausweichen usw.?

Die Arbeit als Fotograf hat sich gerade im journalistischen Bereich in den letzten Jahren sehr stark gewandelt. Insgesamt weniger gedruckte Bilder, dazu im Vergleich zur Inflationsrate eine Verringerung der Preise für gedruckte Bilder sowie deutlich mehr Fotografen am Spielfeldrand. Das alles erzeugt den Anschein, dass Bilder weniger wert geworden seien.

Das Gegenteil ist aber tatsächlich der Fall: Bilder sind dank Instagram und Co. allgegenwärtig. Gute Bilder verkaufen ein Event. Ohne ein Bild und ohne Berichterstattung im Internet fragt sich jeder, ob die Veranstaltung überhaupt stattgefunden hat. Es gibt absolut einen Markt für Bilder. Allerdings: da auch qualitativ hochwertige Kameras immer preiswerter geworden sind, glaubt jeder mit Kamera, er wäre ein Fotograf. Es ist also die Aufgabe des Profis, Kunden davon zu überzeugen, dass ein Fachmann hinter der Kamera mehr bietet als nur Bilder.

Das habe ich für mich erkannt, als ich merkte, dass Zeitungen oftmals nur die langweiligsten Bilder drucken. Also fing ich an zu bloggen und meine persönlichen Lieblingsbilder zu zeigen. Das ist in anderen Ländern durchaus üblich, dass Profifotografen auch bloggen – in Deutschland nicht so. Nun könnte man einwenden, dieses Vorgehen bringe eine weitere Entwertung der Bilder mit sich. Das kann ich nicht wirklich beurteilen – aber für mich hat es neue Aufträge und neue Erlösquellen gebracht. Meine Kunden wissen, dass ich Bewegung besonders gut darstellen kann. Ein Gebiet, auf dem sich sehr viele Fotografen schwer tun. Meine eigenen Bilder auf meinen Blog sind dafür die beste Werbung.
Natürlich muss ich mich damit abfinden, dass alles, was im Internet steht, von immer mehr Leuten als frei verfügbar erachtet wird. Ich schreibe dann immer eine freundliche Mail, erkläre das Urheberrecht und in der Regel bleibt es bei einem einmaligen Verstoss.

Welchen Stellenwert nimmt denn inzwischen die Präsenz im Netz für deine Arbeit ein? Kannst du das in Arbeitszeit beziffern?

Nicht so richtig. Viel läuft ja nebenher – Twitter zum Beispiel. Für meinen Blog nehme ich mir, wenn es geht, rund ’ne Stunde Zeit am Tag. Aber es gibt zwischendurch Wochen, da habe ich keine Zeit und dann gibt es auch keine Blogposts.

Das zu deinem einem Kanal, dem Blog. Welche anderen Kanäle und Tools benutzt du? Ich persönlich verfolge natürlich den Blog mit den Bildpräsentationen, sehe dich aber ab und zu auf Facebook und Twitter. Sind Bildernetzwerke wie Fotolia, Pinterest, flickr usw. etwas für dich?

Das sind ja nun völlig unterschiedliche Dinge. Ich schätze die Kollegen, die über Fotolia Geld verdienen, weil ich weiß, dass das auch hochwertige Arbeiten sind, die dort abgeliefert werden müssen. Für mich persönlich ist das nichts. Es ist nicht meine Art der Fotografie. Ich bin sehr auf den Kunden und seine individuellen Wünsche geprägt.
Pinterest und auch Tumblr finde ich interessant, weil die Quellen in der Regel nicht verloren gehen obwohl die Bilder verteilt werden. Das finde ich einen Schritt in die richtige Richtung.
Flickr war früher interessant, aber dort finde ich kaum noch spannende Bilder. Etwas besser ist 500px.
Facebook ist vieles, aber absolut nicht geeignet, um Bilder zu zeigen. Die komprimieren die Bilder so stark, dass vieles vom Original verloren geht. Google+ ist besser, nur sieht es da kaum jemand 😉

Hast du einen richtigen Plan, wann du was im Netz machst? Oder entscheidest du „aus dem Bauch heraus“?

Ich entscheide aus dem Bauch heraus, habe aber natürlich einen Plan, über was ich schreibe. Sobald ich weiß, ob der Plan richtig ist, werde ich erfolgreicher Buchautor und Social Media Berater. 🙂

Wie wichtig ist das Feedback, was du von deinen Fans, Kunden und Freunden aus dem Netz bekommst? Liest du das alles und denkst darüber nach? Oder nutzt du das Internet auch ganz gezielt, um nach Verbesserungen, interessanten Themen oder dergleichen zu suchen?

Von bestehenden Kunden bekomme ich das Feedback glücklicherweise nicht aus dem Netz. Ansonsten lese ich alles und denke selbstverständlich drüber nach – sonst müsste ich ja nicht bloggen. Wenn mich das alles nicht interessieren würde, hätte ich nur ein Portfolio. Über konstruktive Kritik freue ich mich sogar sehr, denn es gehört für mich zur Weiterentwicklung dazu, über sich selbst nachzudenken. Ich habe allerdings auch das Glück, dass ich fast nur freundliche Leser und Kommentatoren habe. Trolls finden sich bei mir nicht – ich hoffe, das bleibt so.
Ansonsten scanne ich das Netz natürlich zu fotografie-affinen Themen durch. Gerade die US-Amerikaner sind uns da oft voraus.

Hast du insgesamt das Gefühl, dass das Internet deine Arbeit erleichtert oder erschwert? Ich meine, die ganze Urheberrechts- und Verwertungsdebatte betrifft dich ja nun direkt. Was denkst du denn darüber? Internet als Chance, um bekannt zu werden oder Internet als potentielle Gefahr, weil viel „geklaut“ wird?

Beides! Noch nie war es einfacher von Topleuten zu lernen. Noch nie war es einfacher sich zu vernetzen. Noch nie war es einfacher seine Arbeiten frei von Mittelsmännern wie Verlagen etc. pp zu zeigen.
Bezüglich der Urheberrechtsdebatte wünsche ich mir, dass nur zahlungskräftige deutsche Leute meine Bilder kommerziell nutzen – nachdem sie sie geklaut haben. Einfacher können mein Anwalt und ich nicht reich werden. 🙂
Spaß beiseite: die sogenannte Urheberrechtsdebatte ist meiner Meinung nach eigentlich eine Nutzungsrechtdebatte. Dabei ist das sehr einfach: „Ist es nicht von Dir, dann nutze es auch nicht. Willst Du es nutzen, obwohl es nicht von dir ist, frage und zahle.“ Deswegen heißt es ja auch Nutzungsrecht. Der Urheber bleibt immer der gleiche: der Fotograf, der Musiker, der Autor.

Stefan, danke für deine Zeit und die interessanten Einblicke in deine Arbeit. Wer sich selber (Achtung Wortwitz!) ein Bild von Stefan und seinen Werken machen möchte, er bloggt unter http://www.stefangroenveld.de/.

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Wilko Steinhagen

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Wilko gehörte zu den ersten Kollegen bei crowdmedia. Im Sommer 2011 trafen wir uns nach unserem Umzug in einer Büro-Gemeinschaft auf der Reeperbahn. Schnell wurde er aus einer lockeren Kooperation mehr und Wilko der erste Redaktionsleiter bei crowdmedia. Alles was Blog und Newsletter bei uns angeht, steht auf einer Basis, die Wilko gelegt hat. Auch wenn das Abenteuer Reeperbahn nach nur eineinhalb Jahren endete, blieb Wilko uns bis Sommer 2016 als Kollege erhalten. Dann zog es ihn samt seiner Familie nach Schleswig, wo er als Online-Marketing-Manager bei einem mittelständischen Unternehmen tätig ist.

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