Meinung

Mehr Realität – Social Media & der Kulturwandel

von am 14. März 2019 verfasst


Seit ein paar Jahren ist auf Instagram (oder zumindest in meiner Instagram-Blase) der Claim „Für mehr Realität auf Instagram“ eine feststehende Größe. Insbesondere Postings von Influencern und solchen, die es gerne sein möchten, beginnen in meinem Feed oft mit „Um mehr Realität zu zeigen…“. Was folgt, ist nicht das in Szene gesetzte, vegane und super gesunde Porridge-Frühstück, sondern die vermeintlich ungesunde Cini-Mini-Alternative. Anstelle der stets aufgeräumten und durchgestylten Wohnung, folgt der Blick in das unaufgeräumte Schlafzimmer, wo der Wäscheständer schon seit einer Woche eigentlich nur kurz zum Trocknen steht.

Kulturwandel im Kleinen.

Auch die #saturstay-Reihe, zu welcher die Autorin Maria Anna Schwarzberg auf ihrem Instagram-Kanal aufruft, hinterfragt die Mechanismen der Social-Media-Welt. Unter dem Hashtag werden Bilder gesammelt, die aufzeigen, dass es da draußen mindestens genauso viele Leute gibt, die an einem Samstagabend lieber zu Hause sind und keine spannenden Menschen auf spannenden Partys treffen. Saturstay – entgegen der Erwartungshaltung, dass ein hipper, junger Mensch an einem Samstagabend die ganze Nacht durchzutanzen zu hat. Ein Kulturwandel im Kleinen sozusagen.

Aus Storytelling-Sicht hat der Partygänger dann natürlich tendenziell mehr auf Social Media zu berichten, als der Zu-Hause-Chiller. Der Partygänger berichtet vom lustigen Bierpongspielen vor der Party. Vom Quatschmachen auf dem Weg zum Club und in der Warteschlange. Vom Mitgrölen der ewig währenden Partyhits. Von der Pommes Schranke danach. Dem Sonnenaufgang á la Wir bleiben wach bis die Wolken wieder lila sind – so viel Fülle hat der zu Hause-Chiller aus Social Media Sicht nicht zu bieten. Der Saturstay widersetzt sich jedoch dem Mainstream und bildet vermeintliche Minderheiten ab.

Was sagt das über uns und unsere Kultur aus?

Grundsätzlich geht es auch nicht um die Verurteilung des Feiern-Gehens oder der gesunden Ernährung: Es geht um die Entlarvung der Profilierung und der dahinter stehenden Ideale. Was sagen sie über unsere Gesellschaft und unsere Kultur aus? Feiern-Gehen um des Feierns willen und nicht, weil man Lust auf Party hat. Porridge und Salat mampfen, um des Porrigdes und Salats willen und nicht, weil man gerne Porridge und Salat isst?

Kulturwandel mit Einfluss auf B2C- und B2B-Marketing.

Warum also kein Aufbrechen des Gruppenzwangs und dem daraus resultierendem Einheitsbrei? Mehr Realität auf Instagram oder allgemein auf Social Media heißt immer auch mehr Individualität, fernab des Mainstreams. Das gilt übrigens nicht nur für Influencer und den privaten Social-Media-Bereich. Auch und insbesondere im B2C- und B2B-Kontext ist Realität, Individualität und Meinung in Zeiten eines fortschreitenden Kulturwandels immer mehr gefragt!

Jeder dritte Deutsche fordert mehr Haltung von Unternehmen!

Grundsätzlich wünscht sich fast jeder dritte Deutsche (31,4 Prozent) nach einer aktuellen Studie des Meinungsforschungsinstitut civey mehr Haltung von Unternehmen. Unter den 18- bis 49-Jährigen liegt der Wert mit 34 Prozent sogar noch etwas höher. Umgerechnet sind dies mehr als 20 Millionen potentielle Kunden.

Dabei muss es nicht gleich so dramatisch und politisch sein, wie es etwa Unternehmen wie fritzkola oder Nike tun. fritzkola ist seit jeher bekannt für kritische Kampagnen. Während des G20-Gipfels in Deutschland hat das Unternehmen eine Kampagne mit dem Slogan „Mensch, wach auf!“ veröffentlicht. Gezeigt wurden ein schlafender Trump, Putin und Erdogan. Der Claim der Kampagne schlägt somit gekonnt den Bogen zwischen einem politischem Statement und den Produkten des Unternehmens, denen eine wachmachende Wirkung zugeschrieben wird.

Realität

„Mensch, wach auf!“-Kampagne von fritzkola (Quelle: fritzkola kulturgüter GmbH )

Auch Nike hat mit seiner Kampagne rund um den umstrittenen Football-Profi Colin Kapernik kürzlich bewiesen, wie eine Marke Haltung einnehmen kann, ohne sich von der eigentlichen Markenstrategie zu distanzieren. So gilt es auch hier, eine einheitliche Kommunikation aufrechtzuerhalten.

Realität

Beweise für einen Kulturwandel auch bei den Global Player – Tweet von Colin Kaepernick.

Alte Strukturen und Positionen bei denen Professionalität und Expertise mit Rationalität und Distanz assoziiert wird, brechen also auch im nicht-privaten Bereich immer weiter auf – zum Glück!

Kunde ist übrigens auch im B2B-Bereich ein Mensch.

Allerdings hat dieser Kulturwandel nicht nur aus Marketingsicht Konsequenzen für eine Positionierung. Auch innerhalb der Unternehmen gilt es, Silo-Denken der einzelnen Abteilungen abzubauen. Mal nach links und rechts schauen schadet selbst dem etabliertestem Platzhirsch nicht. Bei jeglichen Aktivitäten gilt es, den Kunden (der übrigens auch im B2B Bereich ein Mensch ist) nicht aus den Augen zu verlieren!

Warum werde ich auf Social Media und in der Außenkommunikation gesiezt, wenn mich der Ansprechpartner, der mich schon seit Jahren betreut, duzt? Weshalb werden nur schnöde Produktinformationen gezeigt, wenn die ganze Branche ins Wanken geraten ist und ich eher an einem Austausch interessiert bin? Vielmehr als nur das Endprodukt interessiert mich der Weg dahin!

Der Kulturwandel ist im vollen Gange! Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Aber es glänzt auch nicht alles, was Gold ist. Das gilt nicht nur im Real Life sondern eben auch im Online-Marketing und auf Social Media.

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Janina Kantona

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Janina geht Dingen gerne auf den Grund: Ohne alles in Frage zu stellen, hinterfragt sie Bestehendes, liefert Denkanstöße und schafft Raum für Neues. Als studierte Nachhaltigkeitswissenschaftlerin liegt ihr dieses "Thinking out of the Box" im Blut. Als kreativer Vordenker ist Inspiration ihr Thema, dem sie sich auch hier widmet.

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