Meinung

Virales Marketing versus Urheberrecht und Geld verdienen – Musiker im Netz

von am 28. Februar 2012 verfasst


Letzte Woche geisterte eine etwas merkwürdig anmutende Schlagzeile durch meinen Feeder: Sony beklage sich, die GEMA-Sperren bei Youtube würden einen Millionenverlust verursachen. Die GEMA sieht das naturgemäß ganz anders. So ganz durchblickt gerade niemand, was da zwischen Youtube und GEMA läuft, Fakt ist: Die GEMA wird von vielen als Spielverderber und Kunstunterdrücker verteufelt und veräppelt. Youtube blendet den Hinweis, dieses Video sei aufgrund der GEMA gesperrt, wohl häufiger ein als nötig. Kraftmeierei und Politik eben.

Die, die im Moment dazwischen stehen, die Künstler, müssen sich was einfallen lassen um einerseits den viralen Marketingeffekt des Internets nutzen, andererseits aber genug Geld verdienen zu können, um weiter künstlerisch tätig zu sein. Ich habe mir drei Beispiele rausgesucht, welche unterschiedlichen Wege Bands gehen, um diesen schwierigen Spagat zu schaffen.

Vor etwa einem halben Jahr sind die Kaiser Chiefs mit einer, wie ich finde, ziemlich coolen Idee um die Ecke gekommen. Die Band stellte 20 Lieder auf ihrer Homepage zur Verfügung, Fans konnten sich davon zehn runterladen, ein Cover designen und durften die so erstellte Platte online selber vermarkten. Für jeden Download, der etwa 8,60 Euro kostete, bekamen sie in einem Afiliate-Sytem ein britisches Pfund gutgeschrieben. „Wir zeigen damit, dass die Industrie die Fans einbinden kann“. Leider lässt sich nicht herausfinden (oder ich bin zu blöd dazu), was aus diesem Experiment geworden ist. Die Möglichkeit, ein individuelles Album auf der Kaiser Chiefs-Homepage zu erstellen, gibt es zwar noch, man darf es allerdings nicht mehr vermarkten. Vielleicht war die Aktion ja auch nie als selbsttragendes Modell gedacht gewesen, sondern einfach nur gute PR? Wer etwas weiß, möge sich bitte bei mir melden (ws@crowdmedia.de).

Die Band Deichkind hat sich eine relativ offensive Form ausgesucht, im Internet auf sich aufmerksam zu machen. Das Marketingprinzip ist dabei nicht neu: Ein Song wird „geopfert“ und umsonst ins Netz gestellt, um das ganze Album, welches gekauft werden soll, zu promoten. Neu dabei ist, dass sich der „Free-Song“ aggressiv mit den Mediennutzungsgewohnheiten seiner Zielgruppe auseinandersetzt. Eine ironische Überspitzung, die meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist. Lobenswert: Facebook wird integriert. Ähnliches hat die amerikanische Band Korn auch schon mal versucht. In ihrem Song Y´ll want a single zerkloppt sie, ganz postmaterialistisch, einen Plattenladen. Oh, GEMA-gesperrt? Macht nichts, hier geht’s. Internet ist was verrücktes, nicht wahr?

Jeder Fan muss sich bei dieser Form des Marketings wohl selber überlegen, was von Ironie und Protest noch dem eigenen Lebensgefühl entspricht und wann man das Gefühl hat, als „nützlicher Idiot“ eingespannt zu werden. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die digital natives diese Einschätzung sehr überlegt treffen und ein Gespür dafür haben, was „Datenklau“ für Künstler bedeutet – die Diskussion darum wird im Netz sehr engagiert und fundiert geführt.

Einen etwas anderen Weg geht die Hamburger Band Kettcar. Für das Video zum Song „Im Club“ bat Kettcar ihre Fans darum, kleine Fotos von sich selbst einzuschicken. Diese wurden in das Musikvideo hineinmontiert. So ist eine hohe Aufmerksamkeit im Netz auf jeden Fall gegeben (jede und jeder genannte verlinkte das Video überproportional oft) und gleichzeitig erfahren Fans eine Wertschätzung ihrer Idole. Der Vorteil von Kettcar, die bei dem kleinen Liebhaberlabel Grand Hotel van Cleef unter Vertrag stehen, gegenüber dem Mainstream dürfte sein, dass Fans kleiner Nischen eher bereit sind, Geld für ein Album auszugeben – schließlich bleibt das Geld in der in der Familie. Deswegen kann die Band zu vielen Songs Videos bei Youtube hochladen: sie behält einigermaßen die Kontrolle über die Vermarktung im Internet, die Platten werden trotzdem gekauft.

Für welchen Weg sich Künstler auch immer entscheiden wollen: Wichtig ist meiner Meinung nach, dass die Diskussionen mit den Fans zusammengeführt werden. Ich persönlich halte die Welt für nicht so schlecht, wie sie einige Produzenten gerade darstellen. Der Protest um das hintenrum eingeführte Urheberrechtsabkommen ACTA zeigt, dass internataffine Menschen sich einbringen wollen – dafür muss man sie aber auch ernst nehmen. Künstler müssen sich wohl damit abfinden, dass es im Augenblick zum Beruf gehört, um Verständnis dafür zu werben, dass kulturelle Arbeit eben auch ihren Preis hat. Nur über diesen Hebel ist es möglich, angemessen entlohnt zu werden ohne die Fans vorschnell zu Kriminellen zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass bald ein massentaugliches Micropaymentsystem gefunden wird, dass alle Seiten zufriedenstellt – und das virales Marketing nicht unterdrückt.

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Wilko Steinhagen

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Wilko gehörte zu den ersten Kollegen bei crowdmedia. Im Sommer 2011 trafen wir uns nach unserem Umzug in einer Büro-Gemeinschaft auf der Reeperbahn. Schnell wurde er aus einer lockeren Kooperation mehr und Wilko der erste Redaktionsleiter bei crowdmedia. Alles was Blog und Newsletter bei uns angeht, steht auf einer Basis, die Wilko gelegt hat. Auch wenn das Abenteuer Reeperbahn nach nur eineinhalb Jahren endete, blieb Wilko uns bis Sommer 2016 als Kollege erhalten. Dann zog es ihn samt seiner Familie nach Schleswig, wo er als Online-Marketing-Manager bei einem mittelständischen Unternehmen tätig ist.

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