Zeitungssterben in Deutschland

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Zeitungssterben in Deutschland – das Ende der FTD und der Frankfurter Rundschau

von am 23. November 2012 verfasst


Ist es die nötige Marktbereinigung, wie es von manchen gesehen wird? Hat die Frankfurter Rundschau die Zeichen der Zeit nicht erkannt und ist das nur der Anfang, der Big Bang und das unabwendbare Zeitungssterben, das den Verlagen und der deutschen Medienlandschaft bevorsteht?

Nun, die Sichtweise ist vielfältig, von Lobreden auf den Journalismus bis zur kritischen Würdigung der aktuellen Krise eines Mediums, das sich vor allem durch eine Bewegung hin zum Boulevard zu retten versucht. Interessant ist der Aspekt des wirtschaftlichen Erfolgs der FTD – den gab es nämlich noch nie.

Fakt ist: die FTD hat noch NIE Geld verdient

Die FTD scheint nicht nur wegen der Zeitungskrise zu scheitern, so sieht es zumindest media: vielmehr sei es eine Verkettung von Fehlentscheidungen im Hause Gruner & Jahr und das Blatt von Anfang an nicht wirtschaftlich tragbar gewesen. Schließlich sei die verkaufte Auflage viel zu niedrig gewesen und hat die Gewinnzone nie erreicht. Und als Nischenblatt mit reinem Fokus auf Wirtschaftsthemen, sei es ja auch kein Indikator dafür, was vielleicht den Tageszeitungen bevorsteht.

Auch das Zeitungssterben beschleunigt den Untergang des Abendlandes

Allerorten wird jetzt das große Zeitungssterben sowie der Untergang des Abendlandes im allgemeinen und des deutschen Qualitätsjournalismus im speziellen beschrien. Nette Gesten, wie dieser Durchhalte-Kuchen eines Fans für die FTD Redaktion, führen zumindest auf Facebook zu Zuneigungsbekundungen. Aber wird das helfen? Vermutlich nein.

Beileid und Aufregung – nur ein Flackern des Lebenslichts

Ein kurzes Aufflackern an Beileid, wie hier in den Fanposts auf Facebook zu sehen, ist das nachhaltige Bereitschaft zum Kaufen oder Abonnieren? Ich vermute, nein.

Erinnert mich an eine in Hamburg unlängst geführte Diskussion zum Ableben von Videotheken. Schade, dass es sie nicht mehr gibt, aber ganz ehrlich … ich habe ein Lovefilm Abo und würde dutzende von besseren Alternativen kennen, um an Filme zu kommen. Wie bei jedem, der Tante Emma Läden retten will, aber weiterhin bei Lidl kauft, werden auch hier wohl kaum den Worten Taten folgen.

Was steht also an? Es gilt die Alternativen in den Erlös-Modellen zu finden. Denn das Bedürfnis nach Information ist da. Und auch die Bereitschaft dafür zu zahlen dürfte da sein, wenn man sie nicht durch Werbefinanzierung kostendeckend bereitstellen kann.

Das Internet wird vielleicht die Zeitungen, aber nicht den Journalismus sterben lassen

Und da gehe ich konform mit dem Kollegen Plöchinger: wir brauchen Journalismus und der muss bezahlt, aber auch bezahlbar sein! Nur das Medium und das Geschäftsmodell müssen sich entwickeln. Da denke ich gerne an einen Ausspruch von Christoph Burseg über die Schwierigkeiten der Verlage erfolgreich im Netz Geld zu verdienen. Seine Kernbotschaft war, dass zwischen Erfindung des Buchdrucks und der ersten verkauften Anzeige auch einige Jahre standen und zwar nicht nur 10 oder 20.

Ich weiß, diese Erkenntnis hilft jenen, die bei der FR oder FTD oder bei anderen Blättern um ihre Jobs bangen, wenig bis nicht. Aber sie dürfte vielleicht jene Gemüter kühlen, die den Kopf in den Sand stecken oder in den Klagegesang „das Internet ist schuld…. verdammte Gratiskultur“ mit einfallen.

Und auf der anderen Seite wird zu Vermarktungszwecken soviel nur für Reichweite (also Google) geschrieben und geposted und so wenig in den User und die Qualität gesteckt.

Medien und Mediennutzung haben sich massiv verändert. Thomas Knüwer fasst es so zusammen, dass Technologien von neuen und besseren Technologien abgelöst werden. Und damit hat er auch fast Recht. Eigentlich sind es die sich ändernden Nutzungs-gewohnheiten und die Akzeptanz der „neuen Medien“, die es den alten Medien so verdammt schwer machen.

Der Gedanke an das was Nico Lumma beschreibt, scheint mir wie aus einer längst vergangenen Welt … als noch mehrere Tageszeitungen und Wochenmagazine gelesen wurden … also Fernsehen noch schwarzweiß war, Kinofilme keinen Ton hatten und das Internet langsam und mit seltsamen Rauschen aus dem Modem verbunden war. Wir hatten ja nichts… damals … 1996.

Ein Ausblick auf das Zeitungssterben

Darwin sagt nicht, dass die Starken überleben, sondern, dass jene überleben, die sich anpassen können. Andere waren und sind schneller, wenn es darum geht Google und Geld verdienen im Web zu verstehen und das schmerzt die Verlage heute. Sich aber mit Abschottung und Einigeln gegen Google über das angedachte Leistungsschutzrecht zu retten, das wird nicht funktionieren und auch nicht die Rettung vor dem Zeitungssterben sein. Und was entdeckte ich gerade auf twitter, als der Artikel eigentlich schon fertig geschrieben war? Die TAZ singt sogar ein Loblied auf das Netz und ihre Nutzer, die per freiwillger paywall bereit sind für Content zu zahlen, und die inzwischen sogar selber an andere zurückgeben kann, in dem gesammeltes Geld im genossenschaftlichen Ansatz eingesetzt wird, um kleine Zeitungen zu unterstützen. Da reden wir vermutlich nicht von regionalen Titeln in Mecklenburg-Vorpommern sondern eher von Titeln in Südamerika. Aber das dürfte doch grundsätzlich schon mal zeigen, dass Kunden bereit sind zu zahlen. Manche in Form eines Abos für alles und die generelle Verfügbarkeit, andere nach Bedarf und wieder andere solidarisch und für mehr, als es eigentlich kosten würde.

Update: ganz aktuelle verkündet Gruner & Jahr heute nun offiziell das Ende der FTD. 

Sven-Olaf Peeck

Geschäftsführung

Er mag das Internet und digitales Marketing. Er glaubt daran, dass alles messbar gemacht werden kann und auch sollte. Entsprechend schreibt Sven oft über Messbarkeit oder teilt seine Bewertung von Hypes. Svens Hoffnung: dass Firmen durch mehr Wissen weniger Quatsch im digitalen Marketing machen.

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